Graus und Schmaus

ARMENIEN 20.11.2016

Der gute ROTZi überschreitet die 300000 Kilometer, es hat unter 4 °C und es liegt Schnee. Armenien begrüßt uns von seiner kalten Seite.

So gründlich wie hier wurden wir selten kontrolliert.
Cosmo tauscht nur widerwillig seinen Platz mit dem Grenzbeamten. Ungeniert öffnet er alle Schränke und begutachtet deren Inhalt präzise. Scheint, er wolle etwas finden. Wir stehen draußen, dem eisigen Wind ausgesetzt und begutachten amüsiert das Warnschild gegen Korruption.
Das Pfefferspray haben wir völlig vergessen aus der Sitztasche zu nehmen. Nun freut sich der Beamte über seinen Fund und die Diskussion beginnt.
Zum Röntgen fährt Robert mit Pfefferspray, aber ohne mich. Passagiere müssen hier durch die Grenzkontrolle laufen. Ich bin genervt.
Ungeduldig und fröstelnd warte ich draußen. Bei den rauchenden Männern in der Wartehalle fühle ich mich nicht wohl. Robert erzählt, es lief alles korrekt jedoch bestimmend russisch freundlich.
Es ist grau in grau, auf dem Weg durch die Berge nach Eriwan. Nur die leuchtend orangen Kakhi-Früchte an den kahlen Bäumen bringen etwas Farbe.
"Bieeeep!", ertönt der schreckliche Warnton aus dem Tacho. Der Tank ist voll, was will der ROTZi denn? "Achtung Temperatur kleiner 4 °C" leuchtet auf der Anzeige. Erschreckend, doch es geht noch schlimmer! Später fahren wir auf geschlossener Schneedecke im Nebel durch die Berge. In weiser Voraussicht hat Robert die beiden Ersatzreifen vorn aufgezogen, da diese noch über Profil verfügen und Scheibenfrostschutz eingefüllt.
Armenien, ehemals Sowjetunion, weckt bei Robert Kindheitserinnerungen. Alte Ladas in allen Varianten und LKWs von früher. Gebäude wie aus den Trabantenstädten der ehemaligen DDR. Die Uniformen sind russisch. Man spricht Russisch. Die Menschen erscheinen liebenswert und geradeaus zu sein.
Zum ersten Mal seit langem sehen wir trotz der kalten Witterung kurze Röcke und hohe Schuhe, statt Kopftuch und Tschador. Willkommen im christlichen Kulturkreis. Gut, dass es für mich im Iran auf dem Bazaar noch neue Schuhe gab.
Der Besuch im Supermarkt ist wie im Paradies. Toffifee, Wurst- und Käsetheke, geräucherter Fisch, Schweinefleisch, Alkohol... alles was das Herz begehrt! Sogar eine dicke Strumpfhose gibt es für mich, für nur 1,70€. Mit Rum im heißen Tee versuchen wir die sonnenverwöhnten frierenden Gliedmaßen etwas aufzuwärmen.
Wir befinden uns nun nahe der Waffenstillstandslinie zwischen Armenien und der Republik Bergkrabach, welche weder von Aserbaidschan, Armenien und der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt wird. Von Unruhen ist momentan nichts zu bemerken. Es ist vermutlich auch den Ganoven zu kalt. 

Draußen sieht es noch so früh aus, obwohl es schon acht Uhr ist. Ich will nicht aufstehen, es ist so schön kuschelig in meinem Schlafsack, doch wir müssen weiter nach Eriwan. Unser Paket liegt beim Cargo-Terminal zu Abholung bereit. Vermutlich auch ein Grund zur Unlust...
Wir fahren durch dichten Nebel, auch Glatteis und Schnee lassen nicht lange auf sich warten. Die kleinen kurvigen Straßen durch das Gebirge und die Hochebene sind sehr schön. Im Vergleich zu den indischen zum Glück auch in gutem Zustand. Die Wolken hängen tief, immer wieder schneit es. Die kargen sanften Hügel sind wie mit Puderzucker bestreut.
Irgendwann ist blauer Himmel in Sicht. Dort ist auch das Gebirge zu Ende, die Sonne begrüßt uns mit ihren warmen Strahlen.
Am Straßenrand werden Äpfel, Zwiebeln, Kartoffel und Kürbisse verkauft. Die durchsichtigen Flüssigkeiten in den großen Flaschen deuten wir als Schnaps.
Ein Fluss schlängelt sich der Straße entlang, Bäume in herrlichem gelb und rot leuchten in der Sonne. Ein schöner Kontrast zum strahlend blauen Himmel.
Dann ist der kleine und große Ararat zu sehen, immer wieder lugt er zwischen den Bergspitzen hervor. Als sich die Landschaft öffnet, können wir auf eine weite Ebene schauen. Majestätisch ist der Anblick der Westseite der beiden schneebedeckten Berge. Ich kann kaum den Blick abwenden. Auch Robert ist fasziniert und fotografiert "bis der Film voll ist".
Von Perry und Ellen bekommen wir die Koordinaten zu einem wunderschönen Schlafplatz.
Unweit vom Grenzzaun zur Türkei, hinter dem Kloster Chor Virap sitzen wir draußen und trinken den armenischen Rotwein. Richtiger Käse auf Nudeln mit Tomatensoße ist eine wahre Geschmacksexplosion.

Nach rekordverdächtigen 4 Stunden aber stolzen 168€ für Zoll, Steuern, Handling und Service haben wir unsere kleine 56kg-Palette endlich im Bus stehen. Der Zollchef persönlich hat sich uns angenommen, konnte jedoch die Vorschriften trotz des Bittschreibens des ADAC nicht umgehen.
Den armenisch-syrischen VW-Meister, welcher selbstständig tätig ist, empfiehlt uns der deutsch sprechende VW-Empfangsmann.
Die Werkstatt ist direkt in der Nähe vom Cargo Terminal. Er spricht gutes Englisch und ist auf Anhieb sehr hilfsbereit und sympathisch.

Am Ende eines langen und kalten Tags in der Werkstatt scheint alles fertig zu sein.
Das Grauen folgt nach der Probefahrt. Es knackt bereits in der ersten Kurve. Die Kontrolle zeigt, dass wieder selbiges Problem aufgetreten ist: Gummimanschette der Antriebswelle verrutscht sowie Spiel der Antriebswelle.
Nach hin und her überlegen, kommen die Männer zu der schrecklichen Vermutung: die Antriebswelle ist zu lang.
Die alten Antriebswellen hat die Mama aus Indien wieder nach hause "geschmuggelt". Die Vermessung beginnt. Erst wir, dann Mama und Oma zuhause. Das Resultat ist alles andere als erfreulich, tatsächlich zu lang. Unser Werkstatt-Meister schlägt vor, die Welle kürzen zu lassen. Robert gefällt die Idee. Mir ist zum Heulen zu Mute.

An dieser Stelle noch einmal ein großes Dankeschön an den Onlineshop von apv-carparts in Deutschland, welcher uns 2mal eine falsche Antriebswelle geschickt hat, die nicht den Maßangaben aus der Artikelbeschreibung entsprechen und der Geschäftsführer in keinster Weise Einsicht zeigt. Danke für die kompetente und nachhaltige Geldverschwendung in jeglicher Hinsicht!

Mit oder ohne Allrad nach Hause fahren? Unsere Meinungen gehen auseinander, eine heftige Diskussion über das Für und Wider beginnt.

Robert setzt sich durch. Ich bleibe beim Bus, er fährt mit einem Mitarbeiter in Eriwan umher, um die Welle kürzen zu lassen.
Erst wird die Welle kegelförmig abgedreht, dann in beide Teile ein Loch gebohrt. Ein Stift wird anschließend eingesetzt. Alles wird wieder mit einer großen Presse zusammengepresst und gewuchtet, dass sie rund läuft.
In einem Sushi-Restaurant in Eriwan versuchen wir etwas abzuschalten. Die verschiedenen Häppchen sind sehr lecker, wenn auch die Uramaki mit Hähnchen etwas gewöhnungsbedürftig sind.

Mit einem flauen Gefühl im Bauch beginnt der Morgen. Und es liegt nicht am Sushi.
Ich hoffe inständig, dass das Experiment glückt und wir endlich die Reise fort setzen können. Nach drei Tagen Werkstatt habe ich die Schnauze voll.
Die Welle wird mit den Achsgelenken wieder zusammengesetzt, erstmal kein Problem. Auch der Einbau funktioniert. Nun die Probefahrt. Kein Knacken! Alles sitzt, wo es hin gehört!
Glücklich und erleichtert verabschieden wir uns von den hilfsbereiten Jungs - welche hier für uns Großes geleistet haben. Nun beginnt die Suche nach einer Möglichkeit, die alten Teile zurückzuschicken.

Kauf und Freischalten der armenischen Simkarte mit 3GB inklusive Telefon- und SMS-Guthaben für nur 7€ hat 5 Minuten gedauert. Froh, hiermit nicht auch Tage zu verbringen, widmen wir uns der Hauptaufgabe. Es ist Freitag, viel passiert beim Cargo Terminal und Zoll leider nicht mehr.

Das Wochenende werden wir noch in Eriwan verbringen, die Stadt ist schön und hat viel zu bieten.
Den Samstag verbringen wir in einem riesigen modernen Einkaufszentrum. Ich bin voll im Shopping-Modus, Robert etwas genervt. Die leckere Pizza und das Steak am Abend können wir dann beide genießen.
In dem türkischen Bad wärmen wir am Sonntag die Glieder auf, draußen ist es sonnig, aber frostig.
Zum Sonnenuntergang bietet der Spaziergang am Monument "Mutter Armenien" ein herrliches Bild. Rot spiegelt sich die untergehende Sonne in den zahlreichen Fenstern der Stadt und hüllt alles in ein rosiges Licht.
Hungrig freuen wir uns auf das Essen in einer armenischen Taverne. Die Bedingung ist sehr freundlich, die Preise stimmen und das Essen verdammt lecker. Das werden wir später noch bitter bereuen.
Ein voll gefressener Bauch und ein ohrenbetäubendes Hundekonzert stören die Nachtruhe unweit des Cargo Terminal an einem Friedhof.

Pünktlich wie die Maurer sitzen wir um 10 Uhr im Büro des Brokers am Flughafen. Er schaut genervt drein.
Die freundliche englisch sprechende Zollbeamtin erklärt uns an Hand zwei farbiger Bleistifte warum wir den Zoll nicht zurück bekommen. Weitere Diskussionen sind sinnlos, wir resignieren. Das Schreiben der Rechnung dauert länger, die Mitarbeiter schauen ungeniert Videos am PC. Ein letztes Mal werden wir zur Kasse gebeten, Gebühren für den Broker, nochmal Zoll und Fracht. Doch nun ist das defekte Hinterachsdifferential auf dem Weg nach Deutschland.
Am 1894 m hoch gelegenen Hochgebirgssee Sewan genießen wir die Natur. Es ist noch kälter als in Eriwan. Der nasse Sand ist gefroren. Zu allem Übel will am Abend auch die Standheizung nicht mehr funktionieren.
Robert vermutet, dass er die Dieselfördermenge noch zu stark eingestellt ist und kriecht unter die Karre. Einige Versuche bringen nicht den gewünschten Erfolg. Auch das Auslesen des Fehlerspeichers bringt keine guten Neuigkeiten. Die Glühkerze ist defekt. 9 °C im Auto sind ganz schön ungemütlich. Draußen friert es.

Seit gut zwei Stunden sind wir am Werkeln. Die Sonne scheint, aber der Wind ist kalt.
Die alte Glühkerze ist schon ausgebaut und einfach durchgeschmort. Ein neue ist zum Glück in der Ersatzteilkiste. Jetzt muss noch die Dieselmenge eingestellt werden. Ich hoffe, dass es dann klappt...
Doch ohne Erfolg. Kurzerhand baut Robert die ganze Heizung mal wieder auseinander, ziemlich verrußt alles. Nach der Reinigung sollte es dann wieder funktionieren. Hoffentlich! Dies ist die Quittung für den Einsatz der Heizung in großen Höhen in Pakistan und vor Allem in Kashmir (5000 m).
Der Test sieht vielversprechend aus, die richtige Dieselmenge wird gefördert. Mit etwas weißem Qualm, da zu viel unverbrannter Diesel im Auspuff steckt, tuckert die Heizung vor sich hin. Schön die heiße Luft zu spüren.
So langsam erkennt Robert an den Geräuschen der Heizung und deren Abfolge wo der Schuh drückt bzw. was fehlt.
In der Zwischenzeit nutze ich die Gelegenheit, um die notwendigen Teile aus der Schmutzwäsche zu waschen. Bei gefühlten Null Grad und eiskaltem Wasser nicht so spaßig. Beim Schrubben wird mir aber richtig warm.
Später stelle ich amüsiert fest, dass die Socken auf der Leine ganz steif gefroren sind.

Dicht an der Grenze fahren wir im trüben Nieselregen Georgien entgegen. Leer stehende Häuser quasi auf der Grenzlinie zeugen vom vergangenen Zeiten der Einheit. Grenzzäune gibt es keine, nur das Navi verrät, wie dicht wir uns an Aserbaidschan befinden.
Vom restlichen armeinischen Geld tanken wir voll.
Es gibt keine Kontrolle des Fahrzeugs bei der Ausreise. Die Rechnung für den Broker, sowie Zoll (für nichts) muss beglichen werden.
Der Spaß beginnt erst in Georgien...


Passhöhe erreicht
Eisblume
ÜN 339, erste Nacht in Armenien
schön bunt
Sonne in Sicht
kleiner und großer Ararat
Beweisfoto: wir sind hier!
Gaumenschmaus
herbstlich
Kloster Chor Virap
rosige Aussicht
Werkstatt in Eriwan
ÜN 314 Stadion Eriwan
die Antriebswelle, noch zu lang
Vermessung in Deutschland: Mama und Oma, habt vielen Dank!
Belohnung
Antriebswelle Kürzen
Probefahrt
ÜN 344 Komitas Park
lecker Steak für Robert
Pizza wie in Italien für mich
"Mutter Armenien"
Siegespark Eriwan
Siegespark Eriwan
Blick über Eriwan
in der Taverne
Granatapfel und Sanddorn-Bowle
Kohlrouladen und ein Gläschen Wein,
das ist fein
typisch armenischer Nachtisch: Gata
Sewan See
Reparatur Standheizung
nächster Versuch
Kloster Sewan
schöne Steine
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